Individualisten gegen den Mainstream

Viele Ideen, viele Hürden: Der Weg des Designers führt über Lehre, Studium, Kellerateliers und Messen zum eigenen Label! – oder einem Allerweltsjob in der Industrie. Studenten haben es dabei gegen Praktiker of besonders schwer. FOCUS-CAMPUS Redakteurin Katharina Rosskopf sah sich in einer Welt um, in der Entfernungen zwischen Glamours, harter Arbeit und Niederlagen kurz sind.

MODEL mit Top von Design-Studentin Alice Holmberg

Die 23-jährige Anna Schröppel hat sich bereits einen Cappuccino bestellt und zieht an einer “Lucky Striche”. Konzentriert blättert sie in einer schwarzen, DIN A3-großen Mappe mit ihren Zeichnungen, neben uns in der “Kaufbar” in Berlin-Friedrichshain verabredet. Die Einrichtung des Cafés: en eigenwilliger Stilmix aus alten DDR-Möbeln. Wie selbstverständlich serviert der Kellner am Nebentisch eine Wasserpfeife.
Anna studiert im ersten Semester Modedesign and der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Si hat damit die erste entscheidende Hürde auf dem Weg zu ihrem Traumberuf gemeistert: Sie ist eine von jährlich höchstens 15 Finalisten dieser Einrichtung, die erfolgreich die Aufnahmeprüfung überstehen. Das ist in etwa so schwierig, wie mit einer zittrigen Hand einen Faden durchs Nadelöhr zu fädeln.

Anna wusste immer, was sie wollte.

“Ich hatte schon immer eine Affinität zur Kunst. Mit dreizehn oder vierzehn wusste ich, dass ich auch beruflich in diese Richtung gehen will,” erzählt Anna. Mit fünfzehn machte sie zum ersten Mal ein Praktikum in der Schneiderei der Städtischen Bühnen in Frankfurt. Zwei Wochen lang, die ausreichten, um sie anzufeixen: “Ich lernte in der kurzen Zeit natürlich nur ein paar Handstiche und die einfachsten Nähte auf der Maschine, aber

ATELIERS IN BERLIN-WEIßENSEE: Designstudenten im kreativen Chaos
ANNA SCHRÖPPEL: die Designstudentin beim Abstecken an der Schneiderpuppe

die Atmosphäre im Theater hat mich fasziniert. Und besonders, wie aus einem Schnittmuster ein lebendiges Kleid wurde.” Anna nippt an ihrem Cappuccino, während sie mir ihre Skizzen zeigt. “Seitdem führte immer eines zum anderen, jetzt bin ich entlieh im Studium;”
Design ist ein weites Feld. Es ist angewandte Kunst, die unseren Alltag im Idealfall sinnlich, verführerisch begehrenswert macht. Das betrifft Mode genauso wie Möbel, Autos oder Kaffeemaschinen. In Deutschland gibt es für diese Disziplin Dutzende verschiedene Studiengänge: Modedesign beschäftigt sich mit Kleidung und Accessoires, Produkt- oder Industriedesign mit Genest¨Anden des täglichen Lebens, Oberflächen- und Textildesign mit der Gestaltung von Stoffen, Fliesen, Fußböden und anderen Flächen. Kommunikations- und Grafikdesign kümmert sich um Medien und Werbung. Außerdem gibt es spezialisierte Studiengänge, wie Spiel- und Lernmitteldesign oder Glasgestaltung in Halle (Saale).

Schritt für Schritt, Schnitt für Schnitt

Vermutlich 90 Prozent aller Designer sind Verbrecher, die sich wenig darum scheren, wenn sie gesichtslose Produkte ohne Chrakter in die Lüden bringen, Haushaltsgeräte erfinden, an denen man sich die Finger bricht, oder uns mit grauen Allerweltsentwürfen terrorisieren. Dennoch spricht fast nie jemand über diese Versager – dann noch lieber, wenn es um Mode geht, über die Diors, Chanels und Lagerfelds.
Um ein Held des Designs zu werden, muss man nicht zwangsläufig studieren. Erst kommt das Talent, dann die Hochschulreife. Dennoch hat Anna erst einmal ihr Abitur hinter sich gebracht – obwohl es für die meisten Kunsthochschulen kein Bedingung ist und Anna darauf brannte, einzusteigen. “Damals fand ich jedoch, dass das Abitur eine wichtige Voraussetzung im Leben ist. Außerdem wollte ich mire alle Optionen offenhalten, falls es mit Design doch nicht klappen sollte. Heute würde ich mir das vermutlich nochmals überlegen.”
Künstlerische Fantasie und theoretische Kenntnisse zählen wenig, wenn die Kandidaten nicht handwerklich begabt sind. Für Anna bedeutete das: Nach verschiedenen Praktika, die sie sich während der Schulzeit in den Ferien organisierte, ging es nach der dreizehnten Klasse direkt zur Deutschen Staatsoper – in die Lehre als Schneiderin.
“Mir war klar, dass ich in diesem Beruf nicht für immer arbeiten würde. Aber Modedesign besteht aus mehreren Aspekten, und Nähen ist einer davon.” Seit der Lehre weiß Anna, “was machbar ist, wie Stoffe sich bewegen und arbeiten, welcher Schnitt für welche Idee erforderlich ist.”

Wie unseriös ist Glamour?

Auch Alice Holmberg (28) aus Dänemark treffen wir in Berlin. Alice studiert Modedesign an der Universität der Künste (UdK). Für sie stand das Berufsziel ebenfalls früh fest: “Ich habe schon als Kind über das Aussehen von praktischen Dingen wie Blumentöpfen nachgedacht und sie selbst gestaltet. Ich habe Kissen genäht oder habe einen Regal entworfen, das mein Vater gebaut hat”, erinnert sich Alice.
Im Gegensatz zu Anna hat sie sich den Umweg über die Lehre nicht angetan. Nach dem Abitur reiste Alice lieber durch die Welt bis ins ferne Bangladesch, absolvierte Vorbereitungskurse und arbeitete unter anderem bei Designern. Un erlebte bei ihn Glamour pur – angesichts der vielen Shows, selbstverliebten Protagonisten und extrovertierten Künstler kam sie ins Grübeln: “Zwischendurch fand ich Design auch mal unseriös und wollte Philosophie studieren”, lacht sie.
Nach Berlin kam Alice vor fünf Jahren, in erster Linie, weil sie sich in die Stadt verliebte und die UdK auch in Dänemark einen guten Ruf genießt. Alice hatte sich zu jener Zeit zugleich in Kopenhagen und London beworben – und war “total happy” als die erhoffte Zusage aus Deutschlands einziger Metropole kam.

FUSION: Skandinavische Landschaften und asiatische Kultur spiegeln sich in den Entwürfen von Alice

Globalisierung mal anders

Ihre heutigen Kreationen haben mit Blumentöpfen nicht mehr viel zu tun. Sondern mit Perlen, weich fallender Baumwolle und knisternder Seide. Alice hat bereits richtige Kollektionen gestaltet.
Und sie ist dabei Philosophin und global Denkende. Sie steht kurz vor ihrem Diplom, im Juli präsentiert sie während der Berliner Modewoche ihre Abschlusskollektion. Diese soll nicht nur ihre besten kreativen Seiten zeigen, sondern ganz nebenbei noch für eine bessere Welt werben.
“Es geht auch anders”, fordert die Individualistin gegen den gängigen Geschmack und industriellen Mainstream: “Die meisten glauben, dass es selbstverständlich ist, Mode m¨glichst billig in sogenannten Dritten Welt zu produzieren, um sie in den westlichen Ländern auf den Markt zu werfen.” In ihrer Abschlusskollektion will Alice Beweises, dass es anders geht, wie sie uns erzählen wird.

Das ganze Leben ein Casting

Ein Studienplatz in Modedesign bedeutet Casting brutal. Meist bewerben sich Interessentinnen an mehreren Unis, fertigen aufwendige Mappen an und erhalten dann doch einer Absage. Die Konkurrenz ist enorm, und die Hochschulen sind wählerisch. So bewerben sich bei der Berliner UdK bis 3.000 Studienwillige – 2006 wurden gerade einmal 190 aufgenommen.

„Wir nehmen alle auf, die künstlerisch befähigt sind“, erklärt Frank Richters vom Studierendensekretariat der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und ergänzen: „Neun von zehn Bewerbern sind es nicht.“

Immerhin bedeutet eine Absage noch nicht das Ende aller Träume. Viele Kandidaten scheitern nur deshalb, weil sie standardisierte Bewerbungsmappen verschicken, ohne sich genau über die Hochschule zu erkundigen. Die Bewerbungsmappen haben unterschiedliche Profile und Anforderungen, auf der sich Bewerber einstellen müssen – und können. “Wir haben Studierende, die von anderen abgelehnt wurden. Genauso gibt es Leute, die wir wegschicken und anderswo einen Studienplatz finden”, so Richters. Wer, wie Alice, bei der UdK, einer Top-Adresse, lernen darf, hat bereits das große Los gezogen. Alice gefällt, dass sie an der UdK viele verschiedene Bereiche schnuppern darf. Die zukünftigen Designer können Kurse aus allen Lehrbereichen belegen und sich so auch in Architektur, Malerei oder Fotografie weiterbilden. “In den ersten beiden Jahren schult man das Auge. Man lernt, zu sehen, und wird in Materiallehre, Kunstgeschichte und Designgeschichte ausgebildet”, weiß Alice. Außerdem steht an der UdK konzeptuelles Gestalten im Vordergrund. Das bedeutet, Design nach einem Prinzip zu schaffen, einen Leitfaden in die Gestaltung zu bringen.

LIEBE ZUM DETAIL. Designerin Alice (r) hat ein Auge für wertvolle Stoffe und Perlen.

Das Prinzip der Dänin ist das der Globalisierung – unter umgekehrten Vorzeichen. Sie nennt das “Globalisiertes Update”. Sie möchte dem System von Firmen wie H&M entgegenwirken.
“Die nehmen billiges Design aus Europa und lassen es in Ländern wie Bangladesch von Lohnarbeitern mit minderwertigen Materialien umsetzen”, wirft sie dem Modegiganten vor. “Dadurch entsteht der Eindruck: Da gibt es nur schlechteQualität. Obwohl das eigentlich gar nicht so ist.” Alice hat eine starke Bindung zu Bangladesch, liebt die Farben und Stoffe des Landes. Sie möchte das Prinzip der Billigkonzerne umdrehen und will hochwertig in Bangladesch produzieren – einem Land, das dafür geradezu ideal ist: Mit fast 150 Millionen Menschen ist das asiatische Land das siebtbevölkerungsreichste und eines der ärmsten der Welt.
Fast 80 Prozent der Menschen leben dort auf dem Land -aber viele sprechen englisch, sind ehrgeizig und lernen schnell.
Alice will mit ihrer Abschlussarbeit ihr Prinzip zeigen: Sie kombiniert ihren skandinavischen Farbsinn mit europäischen und asiatischen Schnitten und feinsten Stoffen aus Bangladesch. Auf diese Art kann sie gute Handarbeit, hohe Qualität und ihr eigenes Design vereinen.

Metropolitane Zukunftsvisionen

Anna hat noch kein exakte Vorstellung, wie ihre berufliche Zukunft aussehen wird. Vorerst ist sie mit ihrem Studium in Weißensee hochzufrieden. Sie genießt, dass die Hochschule nicht so reglementiert ist, wie seinerzeit ihre Schneiderlehre. Damals musste sie zu einer bestimmten Zeit erscheinen und hatte einen vorgegebenen Arbeitstag. Jetzt, im Grundlagenstudium, ist alles freier. An einigen Tagen hat sie Praxisstunden, dann wieder Theorie, zwischendurch auch BWL. Erst ab dem 3. Semester wird sie in ihrem Fachbereich Modedesign studieren. Deshalb findet sie jetzt noch Zeit, mit der Kamera unterwegs zu sein – Schulung fürs Auge.
Wo sieht sich Anna in zehn Jahren> “Hoffentlich noch in der Modebranche”, sagt sie. Erstmal möchte sie als Angestellte versuchen. Ein eigenes Label will sie nicht gründen. Sie hofft, eine Firma zu finden, bei der “ich als Jungdesignerin meine Ideen umsetzen kann. Auch Ungewöhnliches, dass ich zum Beispiel Dinge als Stoffe einsetze, die eigentlich keines sind. Und ich möchte auch gern mal woanders hingehen.” Om der Hauptstadt gibt es viele Kreative. “Aber auch so viele Leute, dass der einzelne leicht untergeht”, sagt Anna.
Und Alice? “In fünf Jahren”, sagt sie, “will ich in einer Modemetropole wie London, Paris oder Mailand sein.” Ihr Gesichtsausdruck lässt keinen Zweifel, sie denkt: Die Welt ist global – da spielt es keine Rolle. Hauptsache individuell sein und sich gegen den Mainstream wehren.

AN DER UDK BERLIN: Debatte über die Arbeiten

Zur Zeit nur in Zusammenfassung Online verfügbar: Schnitt für Schnitt zum Designer

Individualists against the Mainstream
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